HINTERGRUND/Spekulation und Hunger: Das gefährliche Spiel mit den Lebensmitteln
05.05.2012 09:05
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FRANKFURT (dpa-AFX) - Rasante Preisanstiege bei Sojabohnen und Mais haben
die Debatte um Spekulation mit Agrarrohstoffen wieder entfacht. Extreme
Wetterbedingungen, eine wachsende Weltbevölkerung und zunehmende Nachfrage aus
den immer kaufkräftigeren Schwellenländern - der Boden für ein verknapptes
Nahrungsmittelangebot scheint ohnehin bereitet. Als Reaktion auf die
Schuldenkrise pumpen Zentralbanken nun auch noch riesige Summen von Geld in die
Finanzmärkte und laden Banken und Fonds damit zum Zocken ein. Kommt die
Welternährungskrise zurück?
"Sie war nie fort", sagt Ralf Südhoff, Deutschland-Chef des UN World Food
Programme (WFP). Der globale Index für Nahrungsmittelpreise der
Welternährungsorganisation (FAO) scheint ihm Recht zu geben: Obwohl das
Barometer seit seinen Rekordständen Mitte vergangenen Jahres wieder gesunken
ist, liegt es mit 214 Punkten weiter über dem Höchstwert der Ernährungskrise
2008. Damals, kurz vor dem Beinahe-Kollaps des Finanzsystems im Zuge der
Lehman-Pleite, hatten die hohen Lebensmittelpreise weltweit für Unruhen gesorgt.
Sojabohnen kosteten in der vergangenen Woche so viel wie seit vier Jahren
nicht mehr und Rohstoffhändler rechnen mit weiterem Preisauftrieb. Auch Mais hat
sich zuletzt deutlich verteuert. Auch wenn bei Lebensmitteln derzeit keine
Preisrallye auf breiter Front zu erkennen ist: Beide Agrarrohstoffe sind
weltweit Grundnahrungsmittel - eine Preisexplosion könnte dramatische
Konsequenzen haben.
"Hohe Nahrungsmittelpreise sind besonders für arme Länder problematisch, die
einen Großteil ihrer Nahrungsmittel importieren, wie die große Mehrheit der
afrikanischen Staaten", erklärt WFP-Experte Südhoff. Erhöhten sich die
Einfuhrpreise, werde es für diese Länder schwieriger, ihre Bevölkerung zu
ernähren. "Viele Haushalte in Entwicklungsländern geben ohnehin 60 bis 80
Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus."
Worin liegen die Ursachen für die steigenden Preise? Die Weltbevölkerung
wächst: Laut Daten des UN-Bevölkerungsfonds kommen zu den rund sieben Milliarden
jede Sekunde 2,6 Menschen hinzu. Etwa eine Milliarde Menschen hungern. Und vor
allem in den rasch wachsenden Schwellenländern, allen voran China, nimmt die
Nachfrage nach Nahrungsmitteln stark zu. Ein weiterer Grund liegt in den
extremen Wetterbedingungen, die nach Einschätzung des WFP in den kommenden
Jahren verstärkt auftreten werden.
Zu den Zutaten der Ernährungskrise 2008 zählten Wetterdesaster und
Ernteausfälle weltweit. Auch für die jüngsten Preisanstiege machen Experten
unter anderem einen Rückgang der globalen Produktion aufgrund von Dürre in
Lateinamerika verantwortlich. Doch auch Finanzspekulanten dürften ihre Finger im
Spiel haben. Und die haben zuletzt jede Menge neues Spielgeld von den
Zentralbanken erhalten.
Agrarrohstoffe - und damit Lebensmittel - sind längst Renditeobjekte. Einer
großangelegten Studie ("Die Hungermacher") der Verbraucherschutzorganisation
Foodwatch zufolge sind Finanzriesen wie die Deutsche Bank oder Goldman
Sachs dick im Geschäft. So funktioniert es: Seit eh und je
sichern sich Produzenten und Agrarhändler gegen Preisschwankungen ab, indem sie
frühzeitig Verträge über zukünftige Warenlieferungen vereinbaren. Diese
sogenannten Futures werden an den internationalen Warenterminbörsen gehandelt.
Was der Branche Planungssicherheit verschafft, kann von Anlegern, die kein
Interesse an der Lieferung der Waren haben, genutzt werden, um auf steigende
oder sinkende Preise zu wetten. Zwar gilt ein gewisses Maß an Spekulation als
erwünscht, da es die Märkte liquide hält, also stabilisiert. Doch seitdem Banken
und Hedgefonds mit allen möglichen komplexen Finanzkonstrukten und hohen
Fremdkapitalhebeln mit Rohstoffen zocken, ist das Maß aus Sicht vieler
Beobachter voll. Laut Foodwatch-Angaben hat sich das Kapital an den
Terminmärkten seit dem Jahr 2000, als die Politik diese Börsen für Investoren
geöffnet hat, von 15 Milliarden auf 600 Milliarden Dollar erhöht.
"Es gibt volkswirtschaftlich gesehen absolut überhaupt keinen Grund, warum
man Investoren erlaubt, Lebensmittel aus dem Markt zu nehmen und zu horten, nur
um von Preissteigerungen zu profitieren", sagt der als Mr. Dax bekannte
Börsenmakler Dirk Müller. Kritiker wie Foodwatch und Müller haben bislang jedoch
einen schweren Stand gegen die Lobby der Investmentbranche und die Zockerei
könnte erst richtig in Fahrt kommen.
Denn dank der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB)
quillt der Finanzsektor vor überschüssiger Liquidität über. Die EZB hat die
Banken im Euroraum für drei Jahre mit Billigkrediten über eine Billion Euro
versorgt und ein Teil dieses Geldes wird sich seinen Weg an die Rohstoffmärkte
bahnen, da sind sich Experten wie Börsenprofi Müller sicher./hbr/DP/jkr
--- Von Hannes Breustedt, dpa-AFX ---
