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Börse Frankfurt

Hüfners Wochenkommentar: Der "Run" der deutschen Konjunktur und seine Fortsetzung

26. April 2012

Hüfners Wochenkommentar dreht sich in dieser Woche um die vermeintlich gute Situation Deutschlands im internationalen Vergleich.

26. April 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Wenn man sich in diesen Tagen die Stimmen der Exper­ten zur deutschen Konjunktur anhört, könnte man ein gutes Gefühl haben. Die Welt scheint in Ordnung. Zuerst hat der Internationale Währungsfonds seine Prognosen für 2012 und 2013 nach oben revidiert. In der letzten Woche zogen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten nach. Nach ihren Zahlen soll das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland in diesem Jahr um 0,9 Prozent expandieren, im nächsten um 2 Prozent. Die deutsche Konjunktur ist "im Aufwind" schreiben sie. Das ist mir zu viel Optimismus. Es passt so gar nicht zu den vorsichtigen Aussagen, die man in den Ausblicken der Unternehmen liest.

Sicher kann man nicht leugnen, dass die deutsche Wirt­schaft im Augenblick, wie man im Sport sagen würde, einen "Run" hat. Es scheint einfach alles zu stimmen. Das Geschäftsklima verbessert sich. Die Exporte neh­men zu. Die Einkommen der privaten Haushalte steigen durch Lohnerhöhungen und durch die Zunahme der Be­schäftigung. Der Wechselkurs ist nicht ungünstig. Die Zinsen sind niedrig. Das hilft Investitionen und Bau.

Die üblicherweise sehr deutschland-kritische britische Zeitschrift "Economist" spricht in einer Sonderbeilage vom "Modell Deutschland über alles": "Much of the rich world is fascinated by Germany" (Ein Großteil der Welt ist von Deutschland fasziniert). Die deutschen Unterneh­men sind gut aufgestellt. Sie haben notwendige Restruk­turierungen durchgeführt. Sie investieren kräftig (2011: plus 7,6 Prozent real). Der langfristige Wachstumstrend zeigt wieder nach oben (siehe Grafik). Deutschland ist das einzige Industrieland, in der die Arbeitslosigkeit trotz Krise zurückgegangen ist.

Ich wäre nicht überrascht, wenn das deutsche Wachs­tum in diesem Jahr am Ende sogar etwas höher aus­fallen würde als die Institute erwarten (ca. 1 Prozent).

Wieder leicht steigende Wachstumsraten - Zunahme des realen BIP in Deutschland gegenüber Vorjahr
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Quelle: Bundesbank

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Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Deutsch­land ist nicht allein in der Welt. Wenn der Himmel ein­stürzt, so sagt man, dann können auch die Tauben nicht mehr fliegen. Die Wirtschaftsforscher beschreiben zwar auch die Risiken der Weltwirtschaft. Aber das, was im nächsten Jahr auf uns zukommt, ist mehr als nur ein Ri­siko. Es ist ein schweres Gewitter.

Erstens wird sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten deutlich verringern. In diesem Jahr profitiert die dortige Wirtschaft noch von der Erholung aus der Schwächephase. Die Fiskalpolitik ist wie in jedem Jahr, in dem der Präsident neu gewählt wird, expansiv. Im nächsten Jahr wird sich das jedoch ändern. Nach der Wahl muss der Präsident – wer es auch immer sein wird – das Problem der hohen Verschuldung des Staates an­gehen. Vermutlich werden die temporären Steuersen­kungen aus den Jahren 2001 und 2003 nicht verlängert. Vielleicht werden (selbst von den Republikanern) auch zusätzliche Steuern erhoben. In jedem Fall wird bei den Ausgaben gespart. Das wird das gesamtwirt­schaft­li­che Wachstum in den USA spürbar verlangsamen. Auch der amerikanische Automarkt wird dann nicht mehr so boomen.

Zweitens werden von China nicht mehr so starke Impul­se ausgehen. Seit 2007 geht das Wachstum im Reich der Mitte kontinuierlich zurück. Damals betrug es noch 14 Prozent. In diesem Jahr könnte es wegen der vielen struk­turellen Probleme nur noch 8 Prozent betragen, im nächsten vielleicht lediglich 7 Prozent. Das ist immer noch viel. Aber es ist deutlich weniger als bisher. Das trifft vor allem die deutsche Wirtschaft, die sich in den letzten Jahren sehr stark auf den chinesischen Markt ausgerichtet hatte. Eine Reihe von Unternehmen überdenkt im Augenblick seine Chinastrategie.

Drittens bremst die Eurokrise. Kann sich jemand vorstel­len, dass sie im nächsten Jahr mir nichts, dir nichts vor­bei ist? Italien und Spanien befinden sich in einer Re­zession. Das beste, was ihnen im nächsten Jahr pas­sieren kann ist, dass ihre Wirtschaft dann nicht mehr schrumpft. Das große Wachstum steht, so wie es bisher aussieht, noch nicht vor der Tür, trotz aller Reformen, die diese Länder unternehmen. Auf Euroland entfallen knapp 40 Prozent der deutschen Exporte.

Viertens schließlich: Ich kann mich nicht erinnern, dass es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren so viele Krisenherde in der Welt gegeben hat. Das wirkt sich negativ auf die Rohstoffpreise aus, ins­be­sondere die Ölpreise. Die allgemeine Geldentwertung wird daher auch in Deutschland kaum unter 2 Prozent sinken. Das frisst viel von den Lohnsteigerungen auf und belas­tet den Konsum.

Wenn das richtig ist, dann sollten wir uns für das nächs­te Jahr nicht auf "die große Sause" bei der Konjunktur in Deutschland einstellen. Das Wachstum wird kaum hö­her sein als 2012, eher niedriger. Vor allem werden die Quellen des Wachstums andere sein. Der Export wird unter der schwächeren Weltwirtschaft leiden. Das sta­bi­lere Element ist die Binnennachfrage. Eine ganz neue Erfahrung für die deutsche Wirtschaft.

Für den Anleger

Trauen Sie nicht denen, die Ihnen für das nächste Jahr Milch und Honig in der Konjunktur versprechen. So weit sind wir noch nicht. Ich könnte mir eine Besserung allen­falls für 2014 vorstellen, wenn sich die strukturellen Re­formen in Europa auswirken und hier zu mehr Wachs­tum führen. Aber bis dahin wird noch viel Wasser die Isar hinabfließen. In jedem Fall muss man davon ausge­hen, dass das Auf und Ab an den Aktienmärkten noch eine Weile anhalten wird. Es ist auch ein Ausfluss der unsicheren Konjunkturperspektiven.

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.

© 26. April 2012 /Martin Hüfner

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland"

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